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Tears in heaven




1. When I saw you in heaven

Total frustriert schlage ich die Wohnungstüre zu und stürme aus unserem Haus. Wo ich jetzt hin soll, weiß ich nicht. Im Moment weiß ich generell nichts mehr. Meine Füße tragen mich einfach so die Straßen entlang, ohne das ich wirklich bemerke wo ich hinlaufe. Das ist mir im Moment auch recht egal! Ich bin mit den Nerven völlig fertig! Will einfach nur noch weg von hier, von all dem, was mich mit einem Mal zu erdrücken scheint.
In meine Gedanken versunken, laufe ich durch die weihnachtlich geschmückten Straßen. Es ist schon recht kalt geworden, aber selbst die Kälte spüre ich nicht mehr. Nur noch dieser stechende Schmerze ist da ganz tief in mir drin. Dieser Schmerz und die Frage ‚Warum’. Eine einzige Frage und doch keine Antwort. Es ist einfach zum Verzweifeln. Plötzlich bleibe ich stehen, weiß nicht genau warum. Als ich aufschaue sehe ich eine Kirche vor mir. Zögernd betrete ich sie. Ich war schon so lange nicht mehr in der Kirche. Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt noch beten kann. Kann man das überhaupt verlernen, oder ist das so wie mit dem Fahrradfahren? Versuchen kann ich es ja mal. Vielleicht hilft das ja was und Gott hat doch noch Einsicht mit mir. Ich glaube im Moment würde ich so gut wie alles versuchen, um das alles hier zu ändern, wieder in normale Bahnen zu lenken.
Leise gehe ich durch die Kirche bis ich fast ganz vorne angekommen bin, um mich dort in eine Bank zu setzen. Die ganze Kirche ist leer, wirkt fast wie ausgestorben. Und doch hat dieser Saal eine beruhigende Aura auf mich. Ich schließe meine Augen und versuche mich ganz auf das Gebet zu konzentrieren.
Plötzlich höre ich ein leises Knacken. Eine Türe geht auf, um gleich darauf wieder geschlossen zu werden, das kann ich hören! Neugierig öffne ich meine Augen. Völlig fasziniert starre ich den Pfarrer, der nun fast vor mir steht, an. Er sieht nicht aus wie ein gewöhnlicher Pfarrer, so wie man sich einen gewöhnlich vorstellt. Dieser hier ist noch jung, ungefähr so alt wie ich, vielleicht ein wenig jünger, hat wunderschöne, strahlend grüne Augen und blonde Haare, die strubbelig wirken. Doch das macht dem Erscheinungsbild des Mannes nichts aus. Im Gegenteil. Es macht ihn noch sehr viel attraktiver. /Gott Lasse, was denkst du hier für einen Scheiß? Deine Freundin hat dir grade gesagt, dass sie euer gemeinsames Kind auf keinen Fall bekommen möchte und hat sich danach von dir getrennt. Du kannst doch keinen Pfarrer attraktiv finden!/
Mein Blick haftet an jeder seiner Bewegungen und beobachtet ihn genau dabei, wie er die Kerzen entzündet. Nach einer Weile scheint er wohl zu merken, dass ich ihn beobachte, denn er sieht plötzlich hoch und lächelt mich an. Wenn der Pfarrer lächelt, sieht er noch viel besser aus! Hilfe! Ob ich jetzt einfach so aufstehen kann und raus rennen? Nein, ich glaube das geht nicht. Zu auffällig!
Am Ende entscheide ich mich dafür einfach wieder meine Augen zu schließen und weiter zu beten. Ist am unauffälligsten und lenkt mich wahrscheinlich von diesem wirklich gut aussehenden, knackigen, atemberaubenden…STOPP! Was denk ich hier eigentlich? Langsam kann man mich echt einweisen lassen!
„Entschuldigen Sie wenn ich Sie störe, das muss sich auch anhören wie eine unglaublich schlechte Anmache, aber haben wir uns schon mal hier gesehen?“, fragt mich plötzlich der niedliche Pfarrer. Ich schrecke hoch und öffne endlich wieder meine Augen. Gott du kannst so gemein sein!
„Nein…nein wir haben uns noch nie gesehen. Ich bin grade erst hier hin gezogen“, antworte ich und versuche mich wieder ein klein wenig zu beruhigen. Ich weiß auch nicht was mit mir los ist. Ich dachte ich hätte mich ein für alle mal unter Kontrolle. Ich dachte ich hätte das Licht gesehen [1] und damit auch mein Leben verändert. Ich wollte es doch so unbedingt! Ich wollte es für Tuula und für unser Kind! Wir hatten uns so sehr ein gemeinsames Kind gewünscht, und jetzt ist grade dieses zu unserem Verhängnis geworden!
„Trotzdem schön Sie hier zu sehen! Mein Name ist Joona!“, begrüßt mich mein Gegenüber und streckt mir seine Hand hin. Ich ergreife sie und antworte: „Ich bin Lasse! Und bitte duzen Sie mich doch. So alt bin ich wirklich noch nicht, wie ich mich fühle, wenn Sie mich Siezen.“ Joona lächelt leicht. „Das kann ich verstehen, ich fühle mich auch nicht wohl, wenn ich gesiezt werde. Dann sind wir uns ja einig, oder?“ Ich nicke und muss auch lächeln. „Darf ich mich zu dir setzen Lasse?“, fragt mich Joona und setzt sich nach einem weiteren Nicken meinerseits neben mich.
„Warum bist du hier her gezogen, Lasse?“, versucht er ein Gespräch mit mir zu beginnen. Ich gehe darauf ein und antworte ihm: „Meine Verlobte, nein jetzt Exverlobte meinte hier wäre eine bessere Umgebung für unser Kind. Doch jetzt hat sie mir heute mitgeteilt, dass sie unser Kind auf gar keinen Fall bekommen wird und hat sich von mir getrennt. Kennst du ein nettes Hotel hier in der Nähe? Nach Hause kann ich in der nächsten Zeit auf jeden Fall nicht mehr!“ Er nickt verständnisvoll. „Das tut mir leid. Und das so kurz vor Weihnachten. Du kannst so lange zu mir kommen, wenn du willst. Die Hotels in der Umgebung sind wahrscheinlich alle belegt. Zu Weihnachten sind die Menschen alle so familiär eingestellt“, schlägt er mir vor. Dankend nehme ich sein Angebot an.
Gott, du bist doch nicht so schlecht. Nach der Messe, die Joona heute halten musste, was er wirklich gut gemacht hat, fahren wir gemeinsam zu ihm. Er wohnt gar nicht mal so weit weg von meinem Haus in einem wirklich schönen Wohnviertel. Es ist in der Zwischenzeit, in der wir in der Kirche waren dunkel und noch viel kälter geworden. Schnell schließt Joona die Türe zu dem größeren Haus auf. Er wohnt im zweiten Stock eines schönen Mehrfamilienhauses. Es kaum abwarten könnend steige ich die Treppen hoch und betrete Joona’s Wohnung. Sie ist wirklich sehr geschmackvoll eingerichtet und auch gar nicht mal so klein.
„Danke noch mal, dass ich erst mal hier bleiben darf! Ich wüsste sonst wirklich nicht, wo ich hinsollte, außer ins Hotel. Wie gesagt, wir sind grade erst hier hingezogen und demnach kenne ich hier auch noch niemanden. Und ich kenne mich hier ja auch noch gar nicht richtig aus…“, bedanke ich mich, als Joona mir zu verstehen gibt ich könne mich ruhig hinsetzen. Währenddessen wuschelt er in seiner Küche rum. „Möchtest du auch einen Kaffee trinken?“, kommt es aus der Küche. Ohne lange nachzudenken bejahe ich seine Frage und sehe mich noch mal gründlicher um. Die Wohnung ist wirklich schlicht und hat nur klare Linien.
Genau so liebe ich Innenraumdesign! Das war früher auch mal mein Traumberuf, doch jetzt bin ich Jurist. Meine Eltern wollten, dass ich einen vernünftigen Beruf studiere und nicht so was unmännliches wie Innenraumdesign. Mein Vater meinte, dass sei nur etwas für Schwule, und deswegen auf gar keinen Fall was für seinen Sohn. Vielleicht wollte ich ja deswegen Designer werden…
Ich war immer irgendwie anders als alle anderen in meinem Umfeld. Ich wollte nie wirklich mit Fußball spielen und auch Mädchen haben mich nie in dem Sinne interessiert, wie sie es eigentlich sollten. Tja, bis mein Vater mir einmal klarmachte, dass er einen Sohn, der einen Freund hat nicht tolerieren könne und mich somit fast aus der Familie verstoßen hätte. Das hätte meine Mutter aber nicht überlebt, und somit habe ich mir ihr zu liebe und auch um meine Verwandten nicht zu verlieren eine Freundin gesucht. Tuula und ich schienen das perfekte Traumpaar für alle zu sein. Keinen überraschte es, als wir uns verlobten und auch nicht, als wir von unseren Plänen erzählten ein Haus bzw. eine Wohnung zu kaufen und eine richtige Familie zu gründen. Keinen, bis auf meinen besten Freund. Er ist der einzige, der alles über mich weiß. Thomas ist immer der erste, dem ich mein Herz ausschütte und meistens auch der einzige!
Ich habe mir schon immer Kinder gewünscht, deswegen hatte ich auch nichts dagegen mein ICH so drastisch zu verleugnen. Am Anfang dachte ich auch noch, ich würde Tuula lieben, aber dann merkte ich, dass ich sie nur wie eine gute Freundin oder Schwester, aber nicht wie meine Geliebte sah. So leicht kann man sein wahres Gesicht halt nicht verleugnen und auch nicht verstecken.
„Hier, dein Kaffee. Ich wusste jetzt nicht wie du ihn trinkst, deswegen habe ich einfach mal Zucker und Milch mitgebracht“, sagt Joona, während er zwei Becher Kaffee auf den schönen Glastisch stellt. Ich wende meinen Blick von den vielen Fotos ab, die auf der Fensterbank und dem Kamin stehen und sehe Joona an. Er hat sich umgezogen; trägt nicht mehr das für Priester typische Schwarz sondern ein weißes Hemd worüber er einen recht sportlichen giftgrünen Pulli gezogen hat und eine engere Jeans, die seine tollen Beine gut betont. „Danke! Ich glaube ich brauche heute erst mal einen Kaffee schwarz! Bei all dem was passiert ist!“, entgegne ich ihm und sehe wieder zu den Fotos hinüber.
Auf vielen sind andere, mir fremde Personen zu sehen. Eins zeigt ihn mit seiner Familie, so wie es aussieht und auf einem ist er mit ein paar Freunden abgebildet. Doch ein Foto sticht ganz besonders ins Auge. Zumindest mir. Es steht mitten auf dem Kamin und ist ein schwarz-weiß Foto. Auf ihm ist nur ein einziger Mann zu erkennen, der mit verträumten Augen an dem Betrachter vorbei sieht. Der Hintergrund ist verschwommen.
Ich setze mich auf das Sofa und greife nach meinem Kaffeebecher, während ich immer noch auf das Foto starre. Dies muss eine ganz besondere Person sein. Das sieht man an dem Foto und der Person selbst, aber auch wie es da steht.
„Möchtest du nicht etwas über dich erzählen?“, fragt mich Joona plötzlich und ich erschrecke mich fürchterlich. Ich war so vom Anblick dieses Bildes gefesselt, dass ich die Außenwelt völlig ausgeblendet habe. Durch diese Aktion landet die Hälfte des Inhalts meines Bechers auf meinem Pulli. Super gemacht Lasse, noch blöder kannst du gar nicht rüberkommen.
Ein wenig schüchtern entschuldigt mein freundlicher Priester sich: „Oh das tut mir leid, dass ich dich so erschreckt habe. Möchtest du vielleicht einen Pulli von mir anziehen? Wir müsste ungefähr dieselbe Größe haben. Komm mal mit in mein Schlafzimmer.“ Ich nicke und folge ihm einen Flur entlang in einen großen, offenen Raum. Sein Schlafzimmer…Auch hier wandert mein Blick durch den Raum und bleibt an einem Foto auf dem Nachttisch hängen. Während ich es mir genauer betrachte, wühlt Joona auch schon in seinem Kleiderschrank. Vorsichtig nähere ich mich dem Bild, auf dem der Fremde von dem Wohnzimmerfoto wieder drauf abgebildet ist. Doch dieses Mal ist er mit Joona zu sehen. Die beiden stehen ziemlich nah zusammen, halten sich gegenseitig im Arm und strahlen in die Kamera. Auf einem kleineren Foto, was fast nicht auffällt wegen seiner Größe ist genau diese Szene abgebildet, nur, dass die beiden Männer sich dabei auch noch küssen.
Mein Herz macht einen Sprung. Nachdem ich von meiner Alibiverlobten, die ich nur hatte um meine Familie und mich vor meinem Outing zu schützen, rausgeschmissen werde, ist die erste Person, an die ich gerate ein unglaublich gut aussehender und vor allem netter, schwuler Priester?
Gott, du kannst ja so gemein sein!!!
Endlich hat Joona den Pulli gefunden, den er anscheinend gesucht hat und schmeißt ihn mir zu. Schnell ziehe ich meinen von Kaffee nassen Pullover aus und den von meinem freundlichen Gastgeber an. Doch während der ganzen Zeit bewegt sich Joona kein Stück aus dem Zimmer raus. Er lehnt sich ganz gelassen an den Türrahmen und beobachtet mich dabei, wie ich mich umziehe.
Das hätte ich ihm nicht wirklich zugetraut. Ich dachte viel mehr er wäre eher so der schüchterne Typ, der aus dem Zimmer geht, während sich jemand umzieht. Besonders weil er Priester ist. Ein wenig verloren stehe ich nun in dem großen Schlafzimmer mit meinem Pulli in der Hand und weiß nicht wohin damit. Energisch nimmt mein Gegenüber ihn mir aus der Hand und verfrachtet ihn in seinem Badezimmer.
Zusammen gehen wir wieder ins Wohnzimmer und trinken unseren Kaffee. Dabei unterhalten wir uns über dies und das. „Wieso bist du denn Priester geworden? Ich meine warum lässt man sich auf ein einsames Leben ein?“, frage ich weil ich nicht wirklich verstehen kann wie man ausgerechnet diesen Beruf auswählen kann. Nach einer kleinen Überlegung seinerseits antwortet er mir: „Das Leben als Geistlicher ist gar nicht so einsam wie jeder sich das vorstellt. Ich habe ja immer noch meine Familie und Freunde. Und da ist dann noch meine Gemeinde. An den Tagen, an denen ich mich nach richtiger Liebe sehne stürze ich mich einfach in Arbeit und dann geht das schon wieder! Aber warum ich Priester geworden bin? Das ist eine recht lange Geschichte. Eigentlich wegen der Liebe! Ich war nie so, wie sie sich gewünscht hätten dass ich bin. Doch da ich mich nicht so drastisch für Leute verstellen wollte, die mich eh nicht akzeptieren können und ich der Meinung bin, wenn sollte man etwas ganz oder gar nicht durchziehen, habe ich mich dafür entschieden Geistlicher zu werden.“
Ich bin ziemlich erstaunt. Wir sind uns in unserer Lebensgeschichte ziemlich ähnlich. „Dann haben unsere Familien ziemlich viel gemeinsam! Mich konnten meine Eltern auch nie richtig lieben, weil sie mich nicht akzeptieren konnten. Nur das ich nicht Priester geworden bin, sondern mir eine Verlobte gesucht habe“, erzähle ich es ihm. Auf irgendeine Weise habe ich sofort Vertrauern zu ihm gehabt.
Wir erzählen noch lange, sitzen in seinem tollen Loft und gucken die Sterne an. Irgendwie fühle ich mich hier richtig wohl! Joona ist so nett und hat auch eigentlich dieselben Interessen wie ich. Doch irgendwann kann ich meine Augen kaum noch offen halten, so müde bin ich. „Ich glaube es ist an der Zeit schlafen zu gehen!“, meint Joona, nach einem Blick auf die Uhr. Nickend gähne ich einmal zur Bestätigung, dass es wirklich schon ziemlich spät ist. „Wo willst du schlafen?“, fragt er mich. Etwas erstaunt über diese Frage antworte ich ihm: „Auf dem Sofa!? Wo denn sonst?“ Eigentlich ist das doch das normalste, also dass der Besuch auf der Couch schläft, während man selbst gemütlich in seinem Bett nächtigt. Mit einem leichten Grinsen murmelt Joona nur noch: „Ja, wo denn sonst? Soll ich dir eine Decke und ein Kissen bringen?“ Nun muss auch ich lächeln und nicke ihm freundlich zu. Kurz nachdem ich es mir auf dem Sofa halbwegs bequem gemacht habe, versinke ich auch schon ins Reich der Träume.
Meine Schlafphase scheint relativ kurz zu sein. Früh am Morgen werde ich von Kaffeeduft und Musik geweckt. Ich brauche eine kurze Zeit bis ich wieder weiß wo ich bin und was ich hier tue. Joona steht nur in Boxershorts und einem T-Shirt bekleidet an der Theke zur Küche, hat einen Becher Kaffee in der Hand und sieht mich lächelnd an. Wie lange er da wohl schon so steht? Etwas grobmotorisch strampele ich mich aus meiner Decke hervor und stehe auf.



2. When did you leave heaven?

Frühmorgens klingelt mein Wecker. Warum er das tut weiß ich auch nicht. Heute ist eigentlich keine Frühmesse, die ich halten muss. Scheiß Technik!
Es ist grade mal sieben Uhr und ich bin hell wach. Da ich eh nicht mehr einschlafen kann, beschließe ich aufzustehen und zu Frühstücken. Kaum bin ich in meinem Wohn-/Esszimmer mit Küche, halt dem größten Raum in meinem sehr weitläufigen Loft reingestolpert, kommt die Erinnerung an den gestrigen Abend wieder auf. Der nette, junge Mann, der auf meinem Sofa liegt und friedlich schläft, heißt Lasse. Gestern habe ich ihn bei mir aufgenommen, weil seine Freundin ihn raus geschmissen hat. Schade eigentlich!
Also nicht, dass sie ihn rausgeworfen hat, sondern dass er überhaupt eine Freundin hatte. Besonders weil er mit ihr so große Pläne hatte. Naja eigentlich sollte ich an so etwas gar nicht erst denken! Ich darf einfach nicht! Ich habe mich dafür entschlossen Pfarrer zu werden und somit die gesamte Männerwelt links liegen zu lassen, also sollte ich mich da jetzt auch dran halten.
Immer noch in Gedanken an Lasse, wusele ich in der Küche rum, natürlich so leise es geht, und bereite das Frühstück vor. Kurz nachdem ich die Tageszeitung rein geholt und die Kanne mit dem Kaffe samt der Milch auf den Tisch gestellt habe, wacht Lasse auf. Im ersten Moment weiß er noch nicht wo er grade ist, das sehe ich an seinem Blick. Leicht verschlafen reibt er sich durch die Augen und gähnt einmal. Wie niedlich er doch aussieht, so wie er da auf meinem Sofa liegt.
„Und, gut geschlafen Lasse?“, frage ich ihn während ich die letzen Reste für das Frühstück auf den Tisch räume. Normalerweise frühstücke ich gar nicht so gerne und ausgiebig, aber wenn ich schon mal Besuch da habe…
Während er sich aufrappelt antwortet er mir: „Ja, deine Couch ist erstaunlich bequem!“ Nach einer kurzen Pause, in der er ein weiteres Mal gähnt, spricht er weiter: „Danke noch mal, dass ich bei dir bleiben durfte! Ich such mir heute ein Hotel, damit ich dir nicht auch noch über Weihnachten zur Last falle!“
„Quatsch, du kannst ruhig hier bleiben…wenn du willst…Grade an Weihnachten sollte man doch eigentlich nicht alleine sein!“
Ich könnte mich ohrfeigen für meine Unüberlegtheit! Hätte ich nicht mit meiner christlichen Aussage, dass über Weihnachten niemand alleine sein sollte, noch die Kurve bekommen hätte, dann wäre er jetzt wahrscheinlich schon nicht mehr hier. ‚Ganz oder gar nicht’ bete ich als mein ständiges Mantra rauf und wieder runter. Ich habe mich halt für gar nicht entschieden, also sollte ich da jetzt auch dran halten.
Lasse muss nicht lange überlegen bis er mir antwortet: „Wenn es dir wirklich nichts ausmacht, dann bleibe ich gerne hier!“ Ich freue mich wie ein kleines Kind, was ich aber, hoffentlich geschickt genug, zu verstecken weiß. Dieses Jahr werde ich also doch nicht alleine verbringen, so wie ich es eigentlich geplant hatte. Meine Eltern sind in den Urlaub zu meiner Schwester gefahren. Mit mir hätten sie eh nicht viel anfangen können. Können sie eigentlich nie, an Weinachten umso weniger. Wie gesagt, sie sind ungeheuer altmodisch und haben meine Vorliebe für Männer immer noch nicht verdauen können. Noch nicht einmal nachdem ich Pfarrer geworden bin. Gegen meine Schwester komme ich aber eh nicht an. Meine Schwester, die einen wirklich netten Mann und zwei wirklich perfekte Kinder in ihrer Bilderbuchwelt hat, ist allerdings nicht so altmodisch und hat nichts gegen mich oder meine Ansichten und Vorlieben.
Früher war sie immer für mich da und auch heute kann ich sie zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen, um mit ihr zu reden. Sie ist ein paar Jahre älter und war sich früher nicht zu schade mich zu verteidigen.
Naja, jetzt mal wieder zurück in die Gegenwart. Lasse ist aufgestanden, fährt sich einmal durch die Haare und kommt zu mir gewankt. Für ihn ist es anscheinend auch noch zu früh, ich kann ihn gut verstehen. Ich hasse es früh geweckt zu werden oder aufzuwachen. Deswegen ist mein Job auch nicht wirklich trefflich gewählt, aber ich liebe meine Arbeit und nehme für sie auch gerne alle Umstände in Kauf.
Heute bin ich ausnahmsweise wach wie nie und schmunzele deswegen ein wenig vor mich hin. Trotzdem nehme ich Rücksicht auf Lasse und frage ihn vorsichtig: „Möchtest du auch einen Kaffee?“ Gähnend nickt mein Gegenüber und streckt sich noch einmal auf seinem Stuhl.
„Danke! Du, wann musst du eigentlich die nächste Messe halten? Die, die du gestern gehalten hast, war wirklich schön! Ich war zwar schon lange nicht mehr in der Kirche, aber die Messe gestern könnte mich glatt wieder in die Kirche gehen lassen. Ich mag es wirklich wie du redest!“, bedankt er sich in einem Redeschwall für seinen Kaffee und lässt mich zugleich auch noch leicht rot anlaufen. Das war ein tolles Kompliment, welches mir aber zugleich vor Augen hält, dass das ganze mehr als aussichtslos ist. „Du wohnst doch schon etwas länger hier, oder nicht? Kannst du mir vielleicht ein paar Tipps geben wo man am besten einkaufen kann und wo hier der nächste Weihnachtsmarkt ist?“
Lächelnd nicke ich und antworte dann: „Einkaufen kann man am besten in der Innenstadt, also im alten Teil. Der nächste Weihnachtsmarkt ist gleich um die Ecke. Der hat heute ja auch auf. Ich wollte noch hin, wenn du willst kannst du ja mitkommen...“ Auch dieses Mal nickt er und trinkt einen Schluck von seinem Kaffee. Ich fange auch an zu frühstücken.
Nach einem ausgiebigen Sonntagsfrühstück und einer wirklich tollen Konversationen mit Lasse belagere ich das Badezimmer und mache mich schön. Für Lasse, auch wenn er eher weniger Interesse haben wird, mache ich das noch mal so gerne und auch noch mal so gründlich. In Rekordzeit, Lasse soll ja keine falschen Gedanken von mir bekommen, bin ich fertig und gebe das Bad für ihn frei. Auch er braucht nicht lange, weswegen wir auch schon recht früh zum Weihnachtsmarkt aufbrechen können. Der Weg ist nicht lang und zu Fuß sind wir in ein paar Minuten angekommen.


3. Let it snow

Der Weihnachtsmarkt ist wirklich toll und lässt mich für kurze Zeit die ganzen Probleme vergessen, die ich im Moment habe. Mit Joona über den Markt zu schlendern, macht das ganze noch mal so schön. Genau dieses wohlige Gefühl in meinem Bauch lässt mich auch den Wunsch empfinden etwas für Joona zu Weihnachten zu kaufen. Ich habe zwar noch keine Ahnung was, aber er ist so nett zu mir und hat mich über Weihnachten bei sich zu Hause aufgenommen. Das kann man nicht von jedem erwarten, auch nicht von jedem Pfarrer. Ich glaube ich sollte wirklich mal wieder glauben, an Gott versteht sich. Oder war es wirklich nur ein Zufall, das Schicksal, dass ich grade bei Joona gelandet bin? Naja, auch egal! Hauptsache ich bin bei ihm und er hat nichts dagegen, mag es sogar noch.
Es ist zwar noch recht früh, aber auch mindestens genauso kalt. Also lade ich Joona erst einmal auf einen Glühwein ein. Der kann eigentlich nie schaden und wärmt auch noch auf. „Hei, Joona, möchtest du auch einen Glühwein? Oder was anderes? Ich lad dich ein!“, frage ich ihn. Meine Begleitung nickt nur und kommt noch einen Schritt näher auf mich zu. Auch ihm ist wahrscheinlich kalt, so sieht er zumindest aus. Die erste Glühweinbude steuern wir an und ich bestelle zwei Glühwein. Alkohol macht gesprächiger. Ich glaube das können wir beide heute gebrauchen. So ein tolles Gespräch wie das von gestern Abend wollte sich noch nicht einstellen. Wir haben zwar soeben beim Frühstück schon wieder viel miteinander geredet, aber ich hoffe jetzt einfach mal der Wein verhilft zu einem weiteren tollen Abend. Ich hab schließlich im Moment Ferien, muss erst nächstes Jahr wieder arbeiten.
Langsam wird es wieder dunkel und der Weihnachtsmarkt glitzert fröhlich-festlich vor sich hin. Kaum haben wir die erste Tasse Glühwein auf, stellt sich auch schon wieder dieses wohlig-warme Gefühl zwischen uns beiden ein. Als würden wir uns schon tausend Jahre kennen, erzählen wir miteinander und machen Scherze. Plötzlich bin ich mehr als froh von Tuula verlassen worden zu sein. Es ist mit Joona, als würde ich ihn schon immer kennen und nach einer langen Zeit einfach wieder gefunden haben. Nach einer langen Suche, so zusagen.
Nachdem wir unsere Runde über den Weihnachtsmarkt beendet haben und ich ein schönes Geschenk für Joona gefunden habe, gehen wir wieder zurück zu Joonas Loft. Heute Abend wird er noch eine Messe geben, die auch ich besuchen werde. Eine Gelegenheit ihn anzustarren, ohne, dass er es mitbekommt oder es seltsam hält und außerdem eine Gelegenheit seiner tollen Stimme für eine Zeit zu lauschen, ohne etwas erwidern zu müssen.
„Bis du eine Wohnung gefunden hast, kannst du aber nicht hier auf dem Sofa schlafen. Ich möchte nicht unbedingt für Rückenprobleme deinerseits verantwortlich sein!“, stellt Joona einfach so in den Raum, ohne dass es einen ersichtlichen Grund für seine Aussage gegeben haben könnte. Seit wann steht es denn fest, dass ich überhaupt so lange hier bleiben werde? „Das ist wirklich lieb von dir, dass du dich so um mich sorgst, aber erstens, seit wann steht es fest, dass ich überhaupt so lange hier bleibe und zweitens, wo soll ich sonst schlafen? Dein Sofa ist doch wirklich bequem!“, antworte ich ihm. Das scheint ihn aber etwas getroffen zu haben. Zumindest sieht er nicht mehr so glücklich aus, wie noch vor ein paar Minuten.
Leise murmelt er: „Ich dachte nur…Du bist allein, ich bin allein, da könntest du auch hier bleiben und wir sind es beide nicht mehr! Und mit deinem Schlafplatz? Wir könnten uns wenigstens abwechseln mit dem Schlafen auf dem Sofa!“
Meine Worte scheinen irgendetwas in ihm ausgelöst zu haben. Versöhnlich nicke ich also und versuche ihn wieder etwas aufzumuntern: „So habe ich das ja auch gar nicht gemeint! Ich will dir doch nur nicht zur Last fallen! Ich bin gerne hier, bei dir! Wenn es dich wirklich beruhigt, dann können wir ja den Schlafplatz wechseln. Aber immer nur für eine Nacht!“


4. Snowflakes

Am Abend, nachdem wir gemeinsam die Messe besucht haben, essen wir zusammen. Heute war die letzte Messe, die ich dieses Jahr geben musste. Weihnachten wird mein Kollege und älterer Pastor die Messe halten, so dass ich nun frei hab. „Das muss gefeiert werden!“, beschließe ich und erhebe mein Glas, „Auf Weihnachten, auf die Freiheit und…auf uns!“ Grinsend stoßen wir an. Es ist ein wirklich guter Wein, den wir trinken.
Nachdem wir gespült haben und im Wohnzimmer vor dem Kaminfeuer sitzen, frage ich: „Hast du vielleicht noch Lust mit mir in einen Club zu gehen? Ich war schon so lange nicht mehr feiern.“ Lasse muss sich ein Grinsen verkneifen. Was soll denn das jetzt wieder? „Hast du etwa geglaubt, dass wir Pfarrer in völliger Abgeschiedenheit abgeschnitten von jeglicher Zivilisation leben?“, frage ich leicht schmollend. „Also, was ist jetzt?“
„Nein, das hatte ich nicht gedacht, aber ich kenne eben keinen, der so ist wie du. Wenn ich dich schon früher kennengelernt hätte, wäre ich wahrscheinlich auch öfter in die Kirche gegangen. Von mir aus können wir gerne gehen!“, antwortet mir mein Gegenüber lächelnd. Nach wenigen Minuten stehe ich einfach auf, um mir meine Schuhe und meine Jacke anzuziehen. „Kommst du Lasse? Der Club ist nicht weit weg von hier. Wenn es dir nichts ausmacht, dann können wir auch zu Fuß hingehen. Dann können wir wenigstens beide was trinken“, zwinkere ich ihm zu, während auch er sich seine Schuhe und seine Jacke anzieht und sich freudig nickend neben mich stellt, bereit zum Aufbruch.
Das kann ja ein toller Abend werden.
Ich kann nicht widerstehen und steure kurz entschlossen das ‚Blue Velvet’ an. Ein Club, in dem nicht nur Heteros zu finden sind. Früher war ich oft hier um nicht ganz so aufzufallen wie in einem Schwulenclub. Damals stand zwar wesentlich weniger auf dem Spiel, doch auch da ging es schon um alles oder nichts. Auf dem Weg zum Velvet fängt es an zu schneien, so dass ich meinen Schal noch ein Stückchen enger um meinen Hals schlingen und meine Jacke ein Stückchen weiter zu machen muss um nicht zu frieren. Lange müssen wir vor dem Club glücklicherweise nicht anstehen. Ich bin aber auch viel zu aufgeregt um jetzt noch anzufangen zu frieren.
Ich hoffe doch sehr stark, dass er nichts gegen Schwule hat, sonst muss er sich wohl oder übel doch noch ganz schnell ein Hotelzimmer suchen und wir wären beide doch über Weihnachten alleine…
Ich möchte gar nicht daran denken. Noch ein einsames Weihnachtsfest würde ich nicht aushalten. Meine Laune verdüstert sich ein wenig, als ich an das Fest vor vier Jahren denken muss. Das erste Weihnachten alleine in einer Wohnung, die bis kurz vorher noch so erfüllt von Leben war, welches aber durch einen jähen Schlag ausgelöscht wurde. Mit ihm.
Schnell schüttele ich diese traurigen Gedanken von mir, öffne meine Jacke und lege meinen Schal ab, um meine Sachen an der Garderobe abzugeben. Lasse tut es mir gleich und folgt mir in den eigentlichen Club. Viele Menschen sind noch nicht hier, es ist ehr durchschnittlich voll. In einer hinteren Ecke setzen wir uns an einen kleinen Tisch und bestellen uns zuerst etwas zu trinken. Ich bestelle mir einen ‚Sex on the beach’, mit dem Hintergedanken an ihn. Es war immer unser Drink. Nach fast fünf Jahren wird es langsam Zeit wieder mal einen zu trinken.


5. Angel Eyes

Als wir in dem Club ankommen, muss ich leicht schlucken. Es ist ein Bi-Club. Dass ein Pfarrer einen Club betreten darf, hätte ich nicht gedacht, aber dass er sogar in so einen Club gehen darf, hätte ich NIE gedacht.
Kaum sitzen wir kommt auch schon eine Kellnerin auf uns zu und bittet uns um unsere Bestellung. Ohne lange nachzudenken bestellt Joona sich einen ‚Sex on the beach’, wobei man den traurigen Ausdruck in seinen Augen nicht leugnen kann. Ich bestelle mir einen ‚Pina Colada’ und sehe wieder zu Joona rüber. Ein leichter Schatten hat sich über seine Augen, sein Gesicht gelegt. Vorsichtig frage ich ihn: „Joona, geht’s dir nicht gut?“ Ein leichtes Lächeln umspielt seine schönen Lippen als er mir antwortet: „Doch, alles bestens. Ich musste nur grade an was…nein an wen denken!“ Leicht nicke ich und biete ihm dann an, dass er mit mir darüber reden kann, wenn er denn möchte. Innerlich schüttele ich den Kopf über mich. Wir kennen uns grade mal ein paar Tage, er wird sich mir bestimmt nicht so schnell öffnen. Das kann ich auch gar nicht erwarten.
Nachdem unsere Getränke vor uns stehen, nippe ich an meinem Cocktail. Währenddessen sehe ich zu meinem niedlichen Pfarrer herüber, der auch grade an seinem Drink nippt. Dabei scheint sich der Schatten über seinem Gesicht aufzuhellen. Das freut mich doch wirklich sehr. Ich lasse meinen Blick etwas durch den Club schweifen und bleibe bei zwei Männern hängen, die sich augenscheinlich sehr mögen. Der eine sitzt auf dem Schoß des anderen und gibt ihm einen leidenschaftlichen Zungenkuss. Sofort muss ich hart schlucken und mich beherrschen, dass dieses sehnsüchtige Gefühl in mir nicht überhand nimmt. Wie lange habe ich nun schon niemanden mehr wirklich mit Leidenschaft geküsst? Es ist wohl schon eine Ewigkeit her!
Joona hat inzwischen sein Glas wieder auf den Tisch gestellt und verfolgt nun meinen Blick. „Ein süßes Paar die beiden! Wirklich zu beneiden“, höre ich aus seinem Mund, wobei er gen Ende immer leiser geworden ist.
Ich nicke nur stumm und sehe dann wieder auf mein Glas, welches ich immer noch in meinen Händen halte. Ob ich ihn nach dem Mann auf dem Foto fragen kann? Mein Mund ist schon wieder schneller als mein Hirn, sodass ich mich kurz nach dieser Überlegung auch schon fragen höre: „Der Mann auf diesem Foto scheint ein ganz besonderer Mann zu sein. Dein Freund?“
Im selben Moment würde ich mich am liebsten selbst ohrfeigen. Der Schatten auf Joonas Gesicht kehrt wieder zurück. Hab ich was Falsches gesagt? Auf dem einen Foto haben sie sich doch geküsst…
„Ja er ist ein ganz besonderer Mann! Und ja, er war auch mal mein Freund, das ist aber schon knapp vier Jahre her. Er hatte Krebs…“, erklärt er mir, bevor er einen weiteren großen Schluck seines Getränks nimmt. Oh Fuck!
„Das tut mir leid…“ „Ich habe es langsam verkraftet! In der Anfangszeit war es sehr schwer! Besonders weil es so kurz vor Weihnachten war als er starb. Danach habe ich mir vorgenommen keinen anderen Menschen mehr so nah an mich ran zu lassen und bin kurzerhand Pfarrer geworden…“
Ich muss ein weiteres Mal schlucken. Jetzt kann ich wohl alle meine Hoffnungen in den Wind schreiben, die ich mir gemacht hatte. Er wird sich nie auf mich einlassen, auf niemanden. Zumindest dieser Gedanke heitert mich wieder etwas auf.
Ich bin erstaunt wie viel Vertrauen Joona anscheinend schon in mir gefunden hat, denn er erzählt leise weiter: „Wir waren damals grade im Urlaub und saßen an der Bar, als er mir erzählte, dass er Krebs habe. Einen Hirntumor. ‚Sex on the beach’ war immer sein Lieblingscocktail und das letzte alkoholische Getränk, welches er getrunken hat, bevor die Behandlung mit all ihren Medikamenten und starken Nebenwirkungen begonnen hat. Ich werde nie sein Gesicht vergessen…Entschuldige, dass ich den ganzen Abend verderbe mit meiner Geschichten.“ Ich bin erstaunt darüber, dass er mir das alles so frei heraus erzählt und antworte ihm nur mitfühlend: „ Du hast hier gar nichts kaputt gemacht. Ich bin erfreut darüber wie viel Vertrauen du anscheinend schon zu mir hast. Ich kann dich gut verstehen. Ich werde Tore auch nie vergessen können…“ Joonas Augen haben sich mit Tränen gefüllt und das Grün seiner Augen, welche mich nun fragend anblitzen, scheint um einiges dunkler geworden zu sein. „Mein erster Freund, meine große Liebe“, erkläre ich anschließend sehr viel leiser, so dass Joona eigentlich keine Chance gehabt haben kann, dies gehört zu haben. Schnell nehme ich noch einen Schluck meines ‚Pina Coladas’ und versuche das Gespräch auf ein anderes Thema zu lenken.


6. Heaven is a place just made for us

Fast verschlucke ich mich an meinem Drink. Er…nennt einen Mann seine große Liebe? Ich bin leicht überwältigt von dem plötzlichen Kribbeln, welches sich in meinem Innern breit macht. Lasse versucht auf ein anderes Thema zu lenken, doch das würde mir jetzt im Moment nicht in den Sinn kommen. Ich habe ihm meine Seele so stark preisgegeben, jetzt ist er dran.
„Ich dachte du wärst grade eben von deiner Verlobten rausgeschmissen worden. Entschuldige die indiskrete Frage, aber bist du bi?“ Es scheint Lasse gar nicht zu gefallen, dass ich weiter auf dieses Thema einzugehen versuche. Er sieht weiter auf sein nun leeres Glas, winkt eine Bedienung heran und bestellt sich einen ‚Cuba Libre’, bevor er mir antwortet: „Ja, ich wurde von meinER Verlobten rausgeschmissen, aber ich bin nicht bi. Meine Eltern hatten schon immer was gegen meine…naja Vorlieben. Sie wollten mich zu Hause rausschmeißen und aus ihrem gesamten Leben streichen. Und dann kam Tuula. Die erste Zeit dachte ich wirklich ich würde sie lieben, was ich aber in Wahrheit nie gemacht habe. Ich wollte immer schon Kinder haben, deswegen habe ich sie gefragt, ob sie mich heiraten wolle. Nachdem sie schwanger geworden ist…hat sie mich rausgeschmissen. Ich weiß, ich war nicht besonders fair zu allen Beteiligten, besonders nicht zu Tore, aber ich dachte früher es wäre für uns alle am besten. Im Nachhinein bereue ich was alles geschehen ist, aber ich kann es wohl nicht ändern. Und hätte sie mich nicht rausgeschmissen…naja…dann hätte ich dich nicht kennengelernt…“
Die ganze Zeit habe ich ihm gespannt zugehört und bin nun platt. Das hätte ich ihm wirklich nicht zugetraut! Es dauert eine Weile bis ich alles verarbeitet habe und mir klar wird, wen ich mir da ins Haus geholt habe. Einen unglaublichen attraktiven, netten, sympathischen und vor allen Dingen schwulen jungen Herrn. Ich glaube ich werde noch wahnsinnig. Schnell kippe ich mir den letzten Rest des Drinks, der ziemlich stark nach Wodka schmeckte, runter und bestelle mir gleich noch einen. Ich brauche jetzt erst mal was Alkohol um das ganze zu verarbeiten!







[1] Queer as Folk lässt grüßen ^^!



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